Berufsunfähig, aber die Versicherung zahlt nicht: 3 echte Fälle
rieder-enterprises · 01. Oktober 2026 · 5 Min. Lesezeit
Ein verschwiegener Krankenstand, eine bewusst verzögerte Meldung, eine Ablehnung, die erst nach elf Jahren vor Gericht kippte. Drei Gerichtsfälle zeigen, wann die BU-Versicherung nicht zahlt und wie du das vermeidest.

Ein verschwiegener Krankenstand, eine bewusst verzögerte Meldung, eine Ablehnung, die erst nach elf Jahren vor Gericht kippte. Drei Gerichtsfälle zeigen, wann die BU-Versicherung nicht zahlt und wie du das vermeidest.
Krankenakte vor dem Antrag holen
Lass dir von deiner Krankenkasse auflisten, welche Diagnosen und Behandlungen dort gespeichert sind, und beantworte die Gesundheitsfragen danach Wort für Wort. Bei Vorerkrankungen hilft eine anonyme Risikovoranfrage.
Alle Versicherungs-Ratgeber →Ein verschwiegener Krankenstand kann eine Berufsunfähigkeitsversicherung im Ernstfall wertlos machen: Stiftung Warentest dokumentiert einen Gerichtsfall, in dem ein Mann zehn Monate Krankschreibung wegen eines Wirbelschadens nicht angab, später berufsunfähig wurde und weder Rente noch seine eingezahlten Beiträge bekam. Wer ohne private Absicherung bleibt, lebt im Schnitt von rund 1.067 Euro Erwerbsminderungsrente im Monat, so der durchschnittliche Zahlbetrag neuer Renten 2025. Eine BU mit 1.000 Euro Monatsrente kostet einen 30-jährigen Büroangestellten laut Verbraucherzentrale ab rund 50 Euro im Monat.
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Welche Fälle zeigen, wann die BU-Versicherung nicht zahlt?
Fall 1: Zehn Monate krank, im Antrag nicht erwähnt. Ein Mann hatte im Antragsformular nicht angegeben, dass er wegen eines Wirbelschadens zehn Monate krankgeschrieben war. Später wurde er berufsunfähig. Der Versicherer prüfte die Krankengeschichte, fand die frühere Arbeitsunfähigkeit, verweigerte die Rente und focht den Vertrag wegen arglistiger Täuschung an. Die eingezahlten Beiträge bekam der Kunde nicht zurück. Stiftung Warentest beschreibt den Fall als Beispiel für einen typischen Streit vor Gericht.
Fall 2: Die Meldung genau drei Tage nach Fristende. Ein Versicherungsnehmer hatte trotz ausdrücklicher Frage verschwiegen, dass er vor Vertragsschluss wegen psychischer Probleme in Behandlung war. Später war er unter anderem wegen psychischer Erkrankungen immer wieder krankgeschrieben und wurde berufsunfähig. Die Anfechtung wegen Täuschung ist nach zehn Jahren ausgeschlossen. Er meldete den Versicherungsfall genau drei Tage nach Ablauf dieser Frist, obwohl er laut Gericht schon ein Jahr vorher wusste, dass er berufsunfähig war. Einer anderen BU-Versicherung hatte er den Fall sofort gemeldet. Das Landgericht Göttingen und das Oberlandesgericht Braunschweig (11 U 316/21) wiesen seine Klage ab: unzulässige Rechtsausübung. Der Bundesgerichtshof wies seine Beschwerde im Oktober 2024 zurück (IV ZR 229/23).
Fall 3: Abgelehnt, nach elf Jahren doch bezahlt. Ein Imbissbetreiber hatte 2010 eine BU mit 1.500 Euro Monatsrente abgeschlossen, der Beitrag lag nach Überschussverrechnung bei 124,67 Euro im Monat. 2014 meldete er Berufsunfähigkeit wegen einer Nervenerkrankung und Rückenbeschwerden. Der Versicherer trat vom Vertrag zurück und focht ihn später an: Er habe eine Bronchitis und eine Skoliose verschwiegen. Gefragt war aber nach „wiederholter oder chronischer“ Bronchitis, er hatte eine einmalige. Die Skoliose war mehr als zehn Jahre vorher diagnostiziert und nie behandelt worden. Das Oberlandesgericht Hamm verurteilte den Versicherer am 4. April 2025 zu 60.374,28 Euro plus Zinsen, zu BU-Leistungen bis Ende 2020 und zur Beitragsbefreiung (Az. 20 U 33/21). Elf Jahre nach der Meldung.
Die Fälle zeigen zwei Seiten. Wer Gesundheitsfragen falsch beantwortet, riskiert alles. Wer sie korrekt nach dem Wortlaut beantwortet, hat gute Karten, braucht im Streit aber einen langen Atem.
Wie wahrscheinlich ist es, berufsunfähig zu werden?
Statistisch wird etwa jeder vierte Arbeitnehmer vor dem Rentenalter berufsunfähig, schreibt Stiftung Warentest. Hauptursache sind psychische Erkrankungen, unabhängig vom Beruf, danach folgen Krebs sowie Rücken- und Skeletterkrankungen. Am häufigsten trifft es BU-Versicherte zwischen 47 und 55 Jahren. Unfälle sind seltener die Ursache, als viele denken.
Die gute Nachricht: Laut einer GDV-Umfrage, die Stiftung Warentest zitiert, werden rund 80 Prozent der Anträge auf BU-Rente bewilligt. Abgelehnt wird oft, weil Antragsteller nicht gutachterlich nachweisen können, dass sie ihren Beruf zu mindestens 50 Prozent auf Dauer nicht mehr ausüben können.
Was zahlt der Staat bei Berufsunfähigkeit?
Wenig. Wer nach dem 1. Januar 1961 geboren ist, hat keinen gesetzlichen Berufsunfähigkeitsschutz mehr, sondern nur die Erwerbsminderungsrente, erklärt die Verbraucherzentrale. Die volle Rente gibt es nur, wenn du gesundheitlich weniger als drei Stunden täglich irgendeiner Tätigkeit nachgehen kannst, nicht nur deinem Beruf. Bei drei bis sechs Stunden gibt es die halbe Rente. Voraussetzung sind grundsätzlich 60 Beitragsmonate, davon 36 Pflichtbeiträge.
Der durchschnittliche Zahlbetrag neuer Erwerbsminderungsrenten lag 2025 bei rund 1.067 Euro im Monat, im Bestand bei 1.091 Euro, meldet die Deutsche Rentenversicherung. Rund 176.000 Menschen gingen 2025 neu in diese Rente. Auch private Verträge sind oft zu klein: Die durchschnittliche BU-Rente liegt laut Verbraucherzentrale bei rund 400 Euro im Monat. Was bei Jobverlust aus anderen Gründen gilt, erklärt unser Ratgeber zum Arbeitslosengeld.
Was kostet eine BU-Versicherung im Vergleich zum Einkommensverlust?
Die Verbraucherzentrale nennt Beispiele: Ein 30-jähriger kaufmännischer Angestellter zahlt für 1.000 Euro Monatsrente bis 67 bei einem günstigen Anbieter rund 50 Euro im Monat, bei einem teuren mehr als 100 Euro. Ein 20-jähriger Dachdecker zahlt für dieselbe Rente bis 65 rund 100 Euro, teuer mehr als 200 Euro. Wer schon als Schüler abschließt, zahlt oft nur die Hälfte bis ein Drittel.
Die Gegenrechnung: Fallen mit 45 dauerhaft 1.000 Euro im Monat weg, fehlen bis 67 rund 264.000 Euro, ohne Inflation. 37 Jahre Beitrag zu 50 Euro ergeben rund 22.200 Euro. Als Richtwert für die Rentenhöhe nennt die Verbraucherzentrale 80 Prozent des Nettoeinkommens. Eine Dynamik schützt vor Kaufkraftverlust: Bei 2 Prozent Inflation sind 1.000 Euro nach 20 Jahren nur noch knapp 673 Euro wert.
Checkliste: So bleibt deine BU im Ernstfall nicht wertlos
1. Gesundheitsfragen wörtlich beantworten. Alles angeben, was gefragt ist, auch Krankschreibungen und Psychotherapie. Nicht mehr hineinlesen, als gefragt ist.
2. Krankenkasse fragen. Laut SWR hast du kostenlos Anspruch auf Auskunft über die gemeldeten Krankheiten der letzten zehn Jahre.
3. Antrag kopieren. Eine Kopie deiner Antworten anfordern und prüfen, gerade wenn ein Vermittler den Antrag ausgefüllt hat.
4. Anonyme Risikovoranfrage nutzen. Bei Vorerkrankungen über einen Berater bei mehreren Versicherern anonym anfragen.
5. Auf gute Bedingungen achten. Verzicht auf abstrakte Verweisung, Sechs-Monats-Prognose, Laufzeit bis 67, rückwirkende Leistung.
6. Rente hoch genug wählen. Etwa 80 Prozent vom Netto, mit Nachversicherungsgarantie und Dynamik.
7. Sofort melden. Wer zögert, riskiert den Anspruch. Fall 2 zeigt: Fristen aussitzen funktioniert nicht.
8. Bei Ablehnung nicht aufgeben. Begründung schriftlich verlangen, den kostenlosen Versicherungsombudsmann oder einen Fachanwalt einschalten.
Wer schon berufsunfähig ist, braucht Reserven für die Prüfphase: Ein Notgroschen überbrückt Monate ohne Einkommen. Dieser Text ersetzt keine individuelle Beratung. Weitere echte Fälle: Ahrtal ohne Elementarschutz und Hausbrand mit Unterversicherung. Alle Ratgeber findest du unter Versicherungen.
VersicherungenJetzt selbst rechnen: Versicherungs-Check →Was im Ernstfall fließt und was Schutz kostet
| Posten | Betrag | Quelle |
|---|---|---|
| Durchschnittliche neue Erwerbsminderungsrente 2025 | ca. 1.067 Euro/Monat | Deutsche Rentenversicherung |
| Durchschnittliche BU-Rente in bestehenden Verträgen | ca. 400 Euro/Monat | Verbraucherzentrale |
| BU 1.000 Euro, 30 Jahre, kaufm. Angestellter, bis 67 | ca. 50 bis über 100 Euro/Monat | Verbraucherzentrale |
| BU 1.000 Euro, 20 Jahre, Dachdecker, bis 65 | ca. 100 bis über 200 Euro/Monat | Verbraucherzentrale |
| Nachzahlung nach Urteil OLG Hamm (Fall 3) | 60.374,28 Euro | OLG Hamm, 20 U 33/21 |
Quellen
- Stiftung Warentest: Berufsunfähigkeitsversicherung, Fragen und Antworten (Fall Wirbelschaden) ↗
- Stiftung Warentest: Berufsunfähigkeitsversicherungen im Vergleich, 19.05.2026 ↗
- OLG Braunschweig: Vereitelung des Anfechtungsrechts lässt Leistungsanspruch entfallen (11 U 316/21), 17.12.2024 ↗
- OLG Hamm, Urteil vom 04.04.2025, Az. 20 U 33/21 (NRWE) ↗
- BRÜLLMANN Rechtsanwälte: Urteil OLG Hamm, Berufsunfähigkeitsversicherung muss zahlen, 14.07.2025 ↗
- Deutsche Rentenversicherung: In Zahlen 2025 ↗
- Verbraucherzentrale: Berufsunfähigkeit, wie Sie sich gegen Verlust des Einkommens absichern ↗
- SWR: Vorsicht vor fatalen Fehlern bei der Berufsunfähigkeitsversicherung ↗
- § 19 VVG Anzeigepflicht ↗
- Versicherungsombudsmann ↗
Häufige Fragen
Warum zahlt eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht?
Meist wegen falscher oder unvollständiger Gesundheitsangaben im Antrag oder weil der Nachweis fehlt, dass du deinen Beruf zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausüben kannst. Bei arglistiger Täuschung kann der Versicherer den Vertrag anfechten, dann gibt es weder Rente noch Beiträge zurück.
Wie oft lehnen BU-Versicherer ab?
Laut einer GDV-Umfrage, die Stiftung Warentest zitiert, werden rund 80 Prozent der Anträge auf BU-Rente bewilligt. Umgekehrt heißt das: Etwa jeder fünfte Antrag wird nicht bewilligt.
Wie hoch ist die Erwerbsminderungsrente?
Der durchschnittliche Zahlbetrag neuer Erwerbsminderungsrenten lag 2025 laut Deutscher Rentenversicherung bei rund 1.067 Euro im Monat. Die volle Rente gibt es nur, wenn du weniger als drei Stunden täglich irgendeiner Tätigkeit nachgehen kannst.
Wie lange kann der Versicherer den Vertrag anfechten?
Bei arglistiger Täuschung bis zu zehn Jahre nach Abgabe der Erklärung. Wer die Meldung bewusst bis nach Ablauf dieser Frist hinauszögert, verliert den Anspruch trotzdem, entschied das OLG Braunschweig, der BGH bestätigte das.
Was kostet eine Berufsunfähigkeitsversicherung?
Laut Verbraucherzentrale zahlt ein 30-jähriger kaufmännischer Angestellter für 1.000 Euro Monatsrente bis 67 bei einem günstigen Anbieter rund 50 Euro im Monat, bei einem teuren mehr als 100 Euro. Für körperliche Berufe ist es deutlich teurer.
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